1999
Neuentdeckung einen Meisterwerkes
DAS LACHEN DER NORDISCHEN AUFKLÄRUNG
Das, was wir unter skandinavischer Kühlheit, Toleranz und Korrektheit verstehen, ist vor allem ein Produkt der gesamteuropäischen Aufklärung, die gerade im Norden Europas nachhaltig gewirkt hat. Es kommt nicht von ungefähr, daß René Descartes, der Heros des neuen Rationalismus, in Stockholm gestorben ist. Auch in Skandinavien hüllte sich die Aufklärung in klassizistische Formen: eine kluge und schicke Verkleidung, um Modernität zu transportieren. Eine mächtige Waffe der Aufklärung wider fragwürdige Herrschaftsstrukturen war allemal das Lachen.
Der Molière des Nordens
Was den Franzosen Molière, war den Norwegern und Dänen der Komödiendichter und Historiker Ludvig Holberg(geb.1648 in Bergen, gest.1754 in Kopenhagen). Er verstand es, Elemente der antiken Komödie und der Commedia del' arte mit der Vorliebe der Dänen für trockene Ironie zu verbinden und dabei in den meisten seiner Stücke deftig rustikal und dänisch zu bleiben.
Klassizistische Komödie
Mit "Ulysses von Ithacia" hat Jörg Schlaminger, der Intendant der Südkärntner Sommerspiele, eine "klassizistische" Komödie Holbergs dem Vergessen entrissen, bearbeitet und inszeniert - eine bis zur anarchischen Verhöhnung gehende Selbstpersiflage des Theaterbetriebes seiner und jeder Zeit.
Die tragende Figur in den tollen Verwechslungen zwischen arg travestierter griechischer Mythologie und nüchterner Zeitkritik übernimmt nicht der Held Ulysses, sondern sein Diener Kilian: Er ist der Repräsentant dessen, woran dem Aufklärer gelegen ist, ein Held des "bon sens", des "common sense", des gesunden Menschenverstandes.
Keine Angst vor der Antike
Den Südkärntner Sommerspielen und Jörg Schlaminger ist es hoch anzurechnen, daß sie sich ohne falsche Ehrerbietung und ohne pädagogische Säuerlichkeit auf antike oder klassische Stücke einlassen und auch dem Publikum die in manchen Schulen angezüchtete heilige Angst vor den antiken Autoren nimmt. Dieselben waren, ebenso wie die Komödienschreiber der Aufklärung in vieler Hinsicht weitaus radikaler und unverblümter als nicht wenige zeitgenössische Literaten. Ihre Respektlosigkeiten sind bewußt so gesetzt, um dem Publikum den Respekt vor überlieferten Dummheiten durchs befreiende Lachen auszutreiben. Und wenn das nicht hier und heute von höchster Aktualität ist...
bks - Kärntner Tageszeitung, 8.Juli 1999