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Latein in allen Lebenslagen CUIUSLIBET REI SIMULATOR DISSIMULATORQUE In jeder Hinsicht ein Heuchler und Täuscher: Mit diesen nicht gerade schmeichelhaften Worten beschreibt der Historiker Sallust Catilina, einen Revolutionär der Antike. Er will mit allen Mitteln die Macht im Staat an sich reißen und scheut vor nichts zurück, nicht einmal davor, die führenden Politiker ermorden zu wollen. Sein Ziel war es als Gewinner bei der Konsulwahl hervorzugehen. Catilinas Geist war verwegen, heimtückisch, wankelmütig, er war ein Heuchler und Täuscher in jeder beliebigen Sache, er strebte fremden Besitz an, verschwendete den Eigenen und brannte in Begierden ... Ein weiterer „simulator oder dissimulator“ war Kaiser Hadrian, der in der Historia Augusta „eindeutig“ charakterisiert wird: idem severus laetus, comis gravis, lascivus cunctator, tenax liberalis, simulator <dissimulator>, saevus clemens et semper in omnibus varius. Er war ernst und fröhlich, heiter und schwermütig, ausgelassen und zögernd, sparsam und freigiebig, ein Heuchler und Vortäuscher, wild und mild und immer in allen Dingen „variabel“! Der Lateiner umschreibt das Heucheln mit den Verben „dis.simulare“ und beschreibt damit die Tätigkeit des Vortäuschens, d.h. etwas „similis“ also ähnlich der Realität erscheinen zu lassen. Die Vorsilbe „dis“ betont dabei das Negative des Vorhabens. Ein „simulator dissimulatorque“ will also bei sich oder bei anderen ein positives Selbstbild auf recht erhalten.
Dieses „urlateinische“ Wort drückt ganz direkt und bildhaft den Vorgang des Heuchelns und Täuschens aus: Der Heuchler treibt ((pellere, pepuli, pulsum) jemanden mit der Hand (manu) in eine bestimmte Richtung. Dabei geht der Heuchler und Täuscher oft aus „diplomatischen“ Gründen devot vor, also wieder „lateinisch“: devotus (verwünscht, sehr ergeben, fromm, andächtig)
Was wäre aber ein Heuchler ohne seiner „LINGUA MENDAX“. Alle „Vorzüge“ so einer Zunge (lingua) werden in den CARMINA BURANA aufgezählt: Lingua
mendax et dolosa, Zunge,
verlogen und voller Tücke, (CB 117, 1, 2, )
In einer Fabel des Phaedrus finden wir einen „fabelhaften“ Heuchler, Lügner und Täuscher: den Wolf. Lupus et Agnus
(Phaedrus I, 1) Der Wolf und das Lamm: Der Wolf und das Lamm waren einst, vom Durst angezogen, zum selben Fluss gekommen: Weiter oben stand der Wolf und weit darunter unten das Schaf. Von Heißhunger angetrieben brachte er einen Grund für einen Streit."Warum", sagte er, "hast du das Wasser, das ich trinken will, aufgewühlt?" Der Wollträger erwiderte sich fürchtend: Wie kann ich das bitte machen, was du da beklagst, Wolf? Von dir fließt das Wasser zu meiner Kehle herab." Durch die Kräfte der Wahrheit zurückgehalten, sagte er: "Vor sechs Monaten hast du mich beleidigt." Da antwortet das Lamm: "Da war ich noch gar nicht geboren.""Beim Herkules", rief jener, "dann hat mich dein Vater beleidigt." So zerfleischt er das unschuldige Lamm in ungerechtem Mord. Diese Fabel ist wegen jener Menschen geschrieben, die aus erfundenen Gründen Unschuldige unterdrücken. Warum zahlt sich das Lesen von Fabeln aus? Dann lesen Sie doch folgende „Geschichte“: „Der Wolf kam zum Bach. Da entsprang das Lamm. Bleib nur, du störst mich nicht, rief der Wolf. Danke, rief das Lamm zurück, ich habe im Äsop gelesen.“ (Helmut Arntzen) Ich kann nichts dafür, ich bin unschuldig?! Aber bevor wir den Stab über andere brechen, kehren wir doch vor unserer eigenen Tür und bleiben wir bei Phaedrus, der uns einen Spiegel vorhält.
De vitiis hominum
(Phaedrus IV 10)
Über die Laster der Menschen: Juppiter legte uns zwei Ranzen auf: Hinten auf den Rücken gab er uns einen Sack voll mit eigenen Fehlern, vorne auf die Brust hängte er uns einen von fremden Fehlern schweren. Dadurch können wir unsere eigenen Fehler nicht sehen: Sobald die anderen Fehler machen, sind wir die Richter.
Der Philosoph, Staatsmann und Rhetoriker Cicero urteilt kurz und bündig: Est proprium stultitiae aliorum vitia cernere, oblivisci suorum. (Cicero Tusculanae disputationes 3, 73) Es ist ein Zeichen von Dummheit die Fehler der anderen zu erkennen, auf die eigenen zu vergessen. Aufgedeckt Auch der Philosoph Seneca „deckt uns auf“: Der Mensch ist schwach und gibt seinen Fehlern nach; daher ist er zugleich schlaff und hart und kann nicht vernünftig sein, obwohl er es möchte. So „kotzt“ ihn z.B. sein momentanes Luxusleben an, aber er liebt es doch. Seine Lebensumstände passen ihm zwar nicht, aber ändern: Nein, das kann und will er nicht. Senecas Antwort : Homines vitia sua et amant simul et oderunt. Die Menschen lieben ihre Fehler und hassen sie zugleich. Und fast zum Schluss noch „gewollte Heuchelei“ Komplette Komplimente: Wir alle lassen uns doch gerne mit dem Hervorheben unserer Vorzüge „voll füllen“(lat. complere). Ovid empfiehlt in der ARS AMATOTIA, seiner Liebeskunst: Ovid empfiehlt: · Was dem Mann an seiner „Flamme“ gefällt, soll er ihr selbst sagen. · Aber Achtung: Komplimente sind dann gekonnt, wenn sie glaubwürdig sind. · Der Lohn der Komplimente folgt sofort: Die Frau, die gerühmt wird, erscheint auch rühmenswert; zudem wirken Komplimente wie eine schleichende Droge, denn sie nehmen ganz insgeheim das Mädchen für den Komplimentemacher ein. · Komplimente sind auch in einer etablierten Partnerschaft nicht überflüssig. Es gehört zur „Pflege“ eines Liebesverhältnisses, der Frau zu versichern, wie attraktiv sie sei, wie begehrenswert und anmutig. Ein kleiner Lehrgang zum Thema „Vom Vorteil, Nachteile schön zu reden“ Nicht jede Frau ist eine Venus. Wie geht man mit Eigenschaften um, die vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade dem Schönheitsideal entsprechen. Machen Sie es so wie am Beginn einer Beziehung, wenn der sprichwörtliche Blick durch die rosarote Brille das geliebte Gegenüber als fehlerlos erscheinen lässt.
.nam faciunt homines plerumque cupidine caeci (Lukrez, de rerum natura IV 1153 f ; 1160ff.) „Denn so machen`s die Leute zumeist, wenn die Liebe sie blind macht, dass sie den Lieblingen Reize, die gar nicht vorhanden sind, leihen“. Und die armen Kerle sehen oft gar nicht die eigenen großen Übel: „Ist sie schwarz, dann heißt sie „brünett“ und die schmutzige „einfach“, die grauäugige „Pallas“, „Gazelle“ die knochige, trocken; ist sie von zwerghaftem Wuchs, heißt „zierlich“ sie, „eine der Grazien“, aber ein Riesenweib hat „majestätische Würde“, redet sie stammelnd, so „lispelt sie süß“; die Stimme ist „schüchtern“, ist sie heftig, gehässig und schwatzhaft, nennt man sie „feurig“, „zart ist das liebe Geschöpf“, das vor Magerkeit kaum mehr kann leben, „schlank gewachsen“ ist jene, die fast schon am Husten gestorben, „Ceres, Jakchos nährend“ ist eine von vollerem Busen, „Satyra“ heißt Stumpfnase, und „Küsschen“, die wulstigen Mund hat.
Sprichwörtliches Heucheln und Täuschen Fallit vitium specie virtutis. (Iuvenal sat. 14, 109) Das Laster täuscht, indem es sich den Anschein der Tugend gibt.
Improbi hominis est mendacio fallere. (Cicero pro Murena oratio 62) Ein schlechter Mensch täuscht durch Lügen.
Mendacia non diu fallunt. HW 38208 Lügen täuschen nicht lange. vgl. Lügen haben kurze Beine.
Mendacium nullum senescit. (MA H. Walther 14 642a) Keine Lüge wird alt.
Saepe decipimur specie recti. (Horaz de arte poetica 25) Oft lassen wir uns durch den Schein des Rechten täuschen.
Adsentatio, vitiorum adiutrix, procul amoveatur! (Cicero, de amicitia 89) Schmeichelei, die Helferin der Fehler, soll weit weggetrieben werden.
Renate Glas Amici Linguae Latinae Institut für Klassische Philologie der Karl-Franzens Universität Graz Europagymnasium Klagenfurt
VON PARASITEN UND ANDEREN HEUCHLERN Molieres Komödie ist betitelt nach dem Betrüger und Schmarotzer Tartuffe, der die Gastfreundschaft Orgons und dessen Familie gnadenlos ausnutzt: Gratis wohnt er in Orgons Haus, schlägt sich dort den Bauch voll und lässt es sich gefallen auf Kosten anderer zu leben. Doch damit nicht genug: Er macht sich sogar an Orgons Frau heran und bringt diesen um sein Vermögen und Anwesen. Tartuffe ist also das, was man als Parasit bezeichnen kann. In der Antike war der Parasit neben der Hetäre und dem gewitzten Sklaven, einer der beliebtesten Charaktertypen der römischen Komödie. Das Wort lässt sich von dem griechischen Wort παράσιτος ableiten, das soviel bedeutet wie „Mitesser“. Es bezeichnete aber auch Vorkoster bei Opferfesten, die dadurch ohne Leistung zu einer Speisung kamen. Plautus, einer der beiden Hauptvertreter der römischen Komödie, benannte sogar – wie Moliere - eine seiner Komödien nach einem Parasiten. Die Komödie trägt den Titel „Curculio“. Plautus’ Parasit ist ein Fresssack, der seinem Herrn beinahe die Haare vom Kopf frisst. Die Aufgaben, die er für seinen Herrn zu erledigen hat, ist er nur bereit auszuführen, wenn er einen vollen Bauch hat. Die Komik des Parasiten beruht hier also auf seiner überzeichneten Fressgier, denn er wird vollkommen von dem einen Ziel – ESSEN - bestimmt. Curculio: Atque aliquid
prius obstrudamus, pernam, sumen, glandium, (Plautus Curculio V. 366ff.) Und zuvor noch was zu essen, was dem Magen Rückhalt gibt: Schinken, Schweinebauch und Eisbein, Rinderbraten, Brot, und dann zur Ermunterung des Geistes Wein im großen Henkeltopf! Wie verteilen wir die Arbeit? Ihr müsst schreiben, er tischt auf, und ich esse und diktiere euch! Folge mir hinein! Patricia Steinbauer
ohne Schlüssel, keinen Schatz Bei Ovid, dem „Spezialisten“ für Liebestipps wird die Dienerin als Schlüssel zur Gunst der Herzdame beschrieben, die durch ihren Einfluss als Vermittlerin fungiert. Auch bei Tartuffe ist der Dienerin Dorine großer Einfluss nicht abzusprechen.
Ovid rät daher in seiner Liebeskunst ARS AMATORIA: Sed prius
ancillam captandae nosse puellae (Ovid ars amatoria I 351)
Aber zuerst solltest du dich darum kümmern, die Dienerin des Mädchens, das du erobern willst, kennen zu lernen; sie wird dir den Zugang erleichtern. Schau darauf, dass sie engste Beraterin deiner „Domina“ ist und eine nicht ganz und gar zuverlässige Mitwisserin für deine verschwiegenen Scherze.
Fabian Boesch
Wie der Herr, so das Gescherr Wie der schlaue Sklave in der römischen Komödie versucht auch Dorine ihren Herrn vor allzu großem Unheil zu bewahren. Aber es scheint, als müsste sie einen Kampf gegen Windmühlen führen. Eine Schwester im Geiste findet sie damit in Adelphasium, einem verschleppten Mädchen, das Plautus in seiner Komödie „Poenulus“ über die Vorzüge eines gesunden Menschenverstands sinieren lässt: „Bono me esse ingenio ornatam quam auro multo mavolo!“ Lieber will ich mit Geist geschmückt sein als mit vielem Gold. Besser hätte es wohl auch Dorine nicht auf den Punkt bringen können......
Andreas Kaserbacher
„CHARAKTERSCHWEINE“ Dem antiken Dichter Plautus (254-184 v.Chr.) gelingt es in seiner Komödie „Miles Gloriosus“ („Der ruhmreiche Hauptmann“) den Charakter des Soldaten Pyrgopolinices ähnlich unsympathisch zu zeichnen, wie Moliére jenen des Tartuffe. Der Prahlhans Pyrgopolinices entführt Philocomasium, die Geliebte des Pleusicles und greift zu seinem Unglück auch den Sklaven des Pleusicles auf. Durch geschickte Taktik wird der nichts ahnende Pyrgopolinices bei einem vorgetäuschten Rendezvouz mit der hilfsbereiten, verheirateten Nachbarin des Ehebruchs beschuldigt. „Ducite istum!“ („Führt ihn ab!“) befiehlt ihr Ehemann wohl mit Genugtuung. Und so wird diese Kanaille letztendlich auch in die Schranken gewiesen. Dem Schurken, der jetzt alles verloren hat, bleiben nur noch die reuigen Worte: „Vae misero mihi!“ („Wehe mir Elendem!“).
„RIDERE“ HUMANUM EST: „Lachen“ ist menschlich Die Verfilmung von Umberto Ecos „Der Name der Rose“ bietet einen unterhaltsamen Zugang zur Komödie und zum Lachen an sich. Im Zentrum diese „Klosterkrimis“ steht das bereits verschollen geglaubte zweite Buch der Poetik des Aristoteles, das die Komödie behandelt. Der Mönch Jorge von Burgos fürchtet, infolge seiner fundamentalistischen Auslegung der „Regula Benedicti“, dass mit diesem Buch das Lachen gerechtfertigt würde und hält es daher verborgen in der Bibliothek. Als Jorge an die Regel erinnert, dass es zur geistlichen Kunst gehöre, „verba vana aut risui apta non loqui“ („leere oder zum Gelächter reizende Worte zu meiden“) zeigt sein Gegenspieler, William von Baskerville, aber auf, dass das Lachen eine Eigenschaft des Menschen ist und, dass sich auch die heiligen der Komik bedienten. Also dürfen wir getrost auch aus christlicher Sicht herzhaft über Tartuffe lachen. Karl Wechtitsch
Der Feind in meinem Haus! Während Odysseus in der Welt umherirrt, versuchen intrigante und heuchlerische Freier seine Frau und das zurückgelassene Königreich zu erschleichen. Die mit schwindender Hoffnung wartende Penelope versucht mit letzten Kräften die wackelige Stellung im eigenen Haus zu halten.
Nos numerus sumus et fruges consumere nati, (Horaz, Epistulae liber I 2, 27-31) Wir sind gewöhnliche Alltagsmenschen, geboren Früchte zu essen: wie die windigen Freier Penelopes und die junge Welt am Hof des Alkinoos, die sich mehr als es recht war, mit der Pflege ihrer Haut zu beschäftigen, und für die es schön war, bis in den Mittag hinein zu schlafen und zum Saitenspiel den ausbleibenden Schlummer herzulocken. Christoph Rosenberger
Von falschen Ludern, Spekulanten und eiskalten Engeln Die Heuchelei, d.h. die bewusste Täuschung der Mitmenschen, ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Einem römischen Dichter aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert verdanken wir folgende Beobachtung: Amissum non flet, cum sola est, Gellia patrem. Si quis adest, iussae prosiliunt lacrimae. Non luget, quisquis laudari, Gellia, quaerit. Ille dolet vere, qui sine teste dolet. (Martial I 33) Wenn Gellia allein ist, weint sie nicht um ihren verstorbenen Vater. Wenn jemand in ihrer Nähe ist, kullern die Tränen wie auf Knopfdruck hervor. Meine liebe Gellia, nicht trauert, wer auch immer sucht, dafür gelobt zu werden. Jener trauert wirklich und wahrhaftig, wer ohne Zeugen trauert.
Martial zeichnete ein Sittenbild der römischen Gesellschaft. Zu Lebzeiten des Dichters war die Erbschleicherei weit verbreitet: Petit Gemellus nuptias Maronillae Et cupit et instat et precatur et donat. - Adeone pulchra est ? - Immo foedius nil est. - Quid ergo in illa petitur et placet ? - Tussit. (Martial I 10) Gemellus will Maronilla unbedingt heiraten. Er begehrt sie, er „steht auf sie“, bittet sie und beschenkt sie. Ist sie so schön? - Im Gegenteil: Keine ist hässlicher. - Was also ist an ihr erstrebenswert und was ist so herzig an ihr? - Sie hustet.
Eine Grabinschrift mit gemeiner Zweideutigkeit oder: SIEBEN AUF EINEN STREICH
Inscripsit tumulis septem scelerata virorum “Se fecisse” Chloe. Quid pote simplicius? (Martial IX 15) Auf die Grabsteine ihrer sieben Männer ließ die verbrecherische Chloe schreiben „sie hätte es getan“. Was kann direkter sein?
Auf Grabsteinen „verewigte“ sich der „Aufsteller“ gerne mit der Abkürzung F ( für FECI: ich habe es gemacht ) Bernhard Vallant
Zeichnungen: Gudrun Wieser und Bettina Leitner Institut für Klassische Philologie der Karl-Franzens Universität Graz
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