BURLESKE UM LEBEN UND TOD
Die Frage, warum Molière die Thematik der Krankheit und der Medizin in diesem Stück, in dem es buchstäblich um Leben und Tod geht, entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit ohne große Differenzierung fast ausschließlich mit den Mitteln der Burleske abhandelt, muss unter dem Aspekt seiner höchstpersönlichen Betroffenheit gesehen werden. Mit keinem Thema hat er sich zeit seines Lebens so intensiv auseinandergesetzt wie mit der Medizin. Schon in frühen kurzen Stücken tauchen Quacksalber auf, die verlacht werden. Im Dom Juan verkleidet sich Sganarelle als Arzt. Eine schwere Krankheit, die ihn sogar zwingt, sein Theater vorübergehend zu schließen hat die Ärztesatiren Arzt wider Willen (1666) und Monsieur de Pourceaugnac (1669) zur Folge, bis er dann möglicherweise von Todesahnungen- und Ängsten geplagt im eingebildeten Kranken die Praxis und die Fähigkeiten der Mediziner seiner Zeit in den Mittelpunkt stellte.
Eine nur allzu berechtigte Angst vor den brachialen Praktiken und der arroganten Ignoranz der zeitgenössischen Medizin und ihrer Vertreter, mit deren martialischen Therapien sich kein Geringerer als selbst Sonnenkönig Ludwig XIV in seinen späteren Lebensjahren konfrontiert sah: Die Chirurgen behandelten seine schlechten Zähne mit Umschlägen aus Brotkrummen; 1685 zogen sie ihm die Zähne und zerbrachen ihm dabei den Kiefer. Während seine ganzen Lebens wurde er mit Einläufen purgiert und zur Ader gelassen. Dazu kamen zeitweilig wechselnde Arzneien, Antiseptika, Brechmittel und Pillen mit den unwahrscheinlichsten Zutaten vom Vipernpulver bis zum Pferdemist. Daher rührten alle seine Leiden wie Dyspepsie, Enteritis, Furunkulose, Fisteln, Verstopfung, Gicht, Schwindel, "Hitzen", und schließlich eine allgemeine Vergiftung. (Pierre Gaxotte, "Ludwig XIV, Frankreichs Aufstieg in Europa). Dass Molière als Hauptdarsteller und Titelheld in eigener Sache ausgerechnet während der vierten Vorstellung seines eingebildeten Kranken einen letztlich letalen Hustenanfall erlitt, ist wohl als eine der makabersten Pointen der Theatergeschichte anzusehen. Der Komödiant bringt noch im Sterben sein Publikum zum Lachen.